Kaninchen

Das Missverständnis Trockenfutter

Um zu verstehen warum Kaninchen besonders von der Wiesenfütterung profitieren, muss man sich ihre wilden Verwandten ansehen. Kaninchen wurden wahrscheinlich erst im Mittelalter domestiziert, allerdings wurden sie immer noch relativ wild gehalten und es war eher eine Ausnahme Kaninchen zu züchten und zu halten. In der Wildnis gab es meist genug, um auch in den ärmeren Familien Fleisch essen zu können. Wichtig wurde die Zucht erst nach dem 2. Weltkrieg, als auch Städter nur durch die Kaninchenhaltung in der Bucht im Hinterhof Fleisch bekommen konnte und viele Menschen in Europa die Folgen des harten Krieges überstehen mussten. Ihre Geschichte als wirkliches Haustier ist also sehr kurz und sie sind, anders als Hunde und Katzen, grundsätzlich immer noch aufgebaut wie Wildkaninchen, was auch den Verdauungstrakt betrifft.

 

Da muss man wissen, woher der Mythos des Trockenfutters kommt. Wenn Fleischkaninchenzüchter sagen, dass diese Art der Fütterung Tradition hat, dann haben sie Recht. Allerdings mussten diese Kaninchen möglichst schnell möglichst viel wiegen, damit man rasch Zugriff auf Nahrung hatte, in dem Fall Kaninchenfleisch. Nur gibt es heute nicht mehr nur die Zucht der Kaninchen zur Fleischgewinnung, diese Tierart wird heute vor allem als Haustier gehalten und dieses soll nicht nach ein paar Monaten geschlachtet werden, sondern möglichst lange leben.

Da man seinem Kaninchen nun meist Mastfutter gibt mit der Erwartung, dass es möglichst lange gesund bleibt, ist eine Enttäuschung seitens des Kaninchenhalters vorprogrammiert und zeigt nun warum man sich mittlerweile etwas mehr mit der Fütterung dieser sensiblen Tiere beschäftigen muss.

Das Wildkaninchen

Um das Essverhalten unserer geliebten Langohren näher zu betrachten, müssen wir uns die Lebensgewohnheiten der Wildkaninchen ansehen. Diese leben in großen Verbänden auf Wiesen. Sie teilen sich meist in kleinere Haremsruppen auf, mit einem Leitrammler und mehreren Zibben. Diese leben teils unterirdisch in Bauten, teils auf den Wiesen, um das zu fressen was gerade wächst. Die Bauten nutzen sie vor Allem um Schutz zu suchen, wenn ihnen durch ein Prädator Gefahr droht, also werden sie nicht sehr weit von ihren Höhlen wandern, sondern immer in der Nähe nach Nahrung suchen.

Wildkaninchen ziehen nicht in den Süden, wenn es kälter ist, zusätzlich sind sie strenge Veganer und ernähren sich vorrangig von Gräsern, Kräutern und Laub, aber auch Beeren, Wurzeln und Früchte schmecken ihnen.  Also sind sie auch im Winter abhängig davon, was ihnen die Natur bietet.

All das gibt uns einen Hinweis darauf, von was sich Kaninchen ernähren: Sie leben in großen Gruppen auf einem begrenzten Raum, ernähren sich nur von der umliegenden Vegetation und müssen im Winter sparsam sein. Das zeigt alles darauf hin, dass Kaninchen kaum wählerisch sein können. Sie sind also quasi die Rasenmäher unter den Pflanzenfressern, die rund um ihr Revier fast alles abfressen, was ihnen zwischen die Zähne kommt. Hier können wir also schließen, dass Kaninchen eine reichhaltige Auswahl an Blattwerk gewöhnt sind.

By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

die verdauung

Wir haben uns schon angesehen, dass Kaninchen sich vorrangig von wenig nahrhaftem Blattwerk ernähren, eher weniger von kohlenhydratreichen Samen, Beeren und Wurzeln. Das spiegelt sich natürlich in der Verdauung wieder. Kaninchen haben einen langen Darm, der dafür sorgt, dass wirklich jeder Nährstoff aus der Vegetation gezogen wird. Aber sie treiben das sogar etwas weiter: Sie verdauen ihre Nahrung zwei mal! Im Blinddarm wird ein Teil des Kots mit Vitamin B (und auch anderen Stoffen) angereichert und mit einer Schleimschicht überzogen. Dieser Kot wird dann ausgeschieden und wieder gegessen, die Schleimschicht schützt den Kot dann vor der Verdauung des Magens und die B-Vitamine können im Darm aufgenommen werden.

Damit die Verdauung hier optimal funktioniert, ist das Kaninchen aber auf eine ideale Zusammensetzung der Mikroorganismen im Darm angewiesen, sodass die Nährstoffe bereit gestellt werden können. Diese Organismen wiederum sind auf die richtige Nahrung angewiesen, also ändert sich je nach Nahrung auch die Zusammensetzung der Organismen. Man kann sich also vorstellen, dass sich bei einer Ernährung, die nicht die des physiologischen Aufbaus der Kaninchenverdauung entspricht, dann auch über kurz oder lang Verdauungsprobleme und Bauchweh beim Kaninchen verursachen wird. So gibt es Hinweise, dass sich auch der pH-Wert im Darm senkt, wenn das Kaninchen viel Stärke zu sich nimmt oder dass Kaninchen Trommelsucht bekommen können, weil eine ungünstige Bakterienzusammensetzung im Darm viel Gase produziert.

Nicht zuletzt sollte auch noch erwähnt werden, dass die Verdauung von Kaninchen auch deswegen so empfindlich ist, weil sie solch einen langen Darm haben. Das betrifft viele Pflanzenfresser, auch Pferde sind bekannt dafür schnell an Verdauungsproblemen zu sterben. Deshalb ist die Ernährung der Kaninchen besonders wichtig für ein erfolgreiches und langes zusammenleben.

Von Kaninchenwiese: http://www.kaninchenwiese.de/ernaehrung/grundlagen/verdauung
Von Kaninchenwiese: http://www.kaninchenwiese.de/ernaehrung/grundlagen/verdauung

Wiesenfütterung für kaninchen

Wir haben nun gelernt, dass man Kaninchen möglichst kohlenhydratarm (Stärke, Zucker) und pflanzlich ernähren sollte und möglichst naturnah, da ihre Verdauung sich noch nicht an unsere Art der Fütterung gewöhnen konnte. Wir wissen auch, dass Kaninchen sich an möglichst viele heimische Pflanzen angepasst haben und nicht wählerisch sein können.

Dies bestätigt sich auch in der Praxis, Kaninchen sind die einfachsten pflanzenfressenfressenden Haustiere, die man füttern und halten kann. Degus, Chinchillas und Pferde sind weitaus empfindlicher und komplizierter. Mit Übung auf menschlicher Seite und Gewöhnung seitens der Kaninchen kann man eine Vielzahl an Wildkräutern und Ästen mit Laub füttern. Hier sollte man darauf achten, dass sich mit der Ernährung auch die Darmflora verändern muss, weswegen man die Ernährung immer sehr langsam ändern sollte. Besonders wenn man von Wiesenfütterung auf die meist Stärke- und wasserhaltige Winterfütterung mit Gemüse umsteigt oder von langjähriger Gemüse- oder Trockenfutterfütterung auf Wiesenfütterung umsteigen will.

Anfangen sollte man mit den problemlosen Pflanzen, die oft gerne gegessen werden, wie Löwenzahn, Gräser oder Fingerkräuter. Klee sollte man erst füttern, wenn die Umstellung problemlos funktioniert hat. Dann gibt es kein Halten mehr, man kann alles anbieten, was nicht giftig ist. Einiges nur in kleineren Mengen, quasi als "Gewürz" der Mischung (wird als Arzneipflanze gekennzeichnet), anderes als Hauptfutter. Dazu kann man immer Äste anbieten.

Ein Dank geht an Corinna J. für das Foto
Ein Dank geht an Corinna J. für das Foto

Anmerkungen

Hier wird auf die Vorteile der Wiesenfütterung allgemein hingewiesen:

Ich kann Kaninchenwiese sehr empfehlen, auch um Genaueres zur Verdauung zu erfahren:

Auch die Glücklichen Kaninchen bieten viele Informationen runf ums Kaninchen an und haben ein tolles Forum mit einer netten Community:

Hier ist eine extra Facebookgruppe, in der man Fotos von Pflanzen hochladen kann, um sie bestimmen zu lassen. Auch Hinweise zur Fressbarkeit bekommt man dort:

Ich bitte auch alle Kaninchenhalter sich mit dem neuen RHD-Virus zu befassen und ihre Tiere zu schützen:

Die Wildkräuterliste wird immer erweitert und aktualisiert.

Ich bedanke mich bei Mareike S. für die tollen Fotos meiner Langohren.